Du bist, was du isst
Es gibt in neuen Beziehungen viele erste Male. Erster Flirt, erster Kuss, erster Sex, erster gemeinsamer Auftritt bei Freunden, erster Streit, erster Urlaub, aber nein, schon viel zu weit gedacht. Und vor allem schon vielfach beschrieben. Ich kenne noch ein weiteres spannendes erstes Mal innerhalb des Kennenlernprozesses. Das erste Öffnen des Kühlschrankes in seiner Wohnung.
Da kommen schon mal Fragen auf.
Kann man sich von Becks Gold ernähren?
Was tut diese kühlende Gesichtsmaske im Gemüsefach?
Und vor allem- wem gehört sie?
Kühlschränke geben Informationen der besonderen Art, denn sie sprechen oft gleichermaßen von der Vergangenheit, wie auch der Gegenwart.
Ich habe neulich in einer zugegeben leicht oberstübchenunterversorgten Frauenzeitschrift intellektuelle Theorien von ungefähr folgender Art gelesen:
1.Bier+Tütenwurst+Senf= unkreativer Bauer, vergiss es.
2.Säfte+Champagner+italienischer Schinken= Verführer, könnte interessant werden
3.Soja+Tofu+Grünzeug= gefühlsbetonter Frauenversteher
Hat man jemals so einen Unsinn gehört? Und was, wenn man dann eine Flasche Bier, eine Portion Parma und einen Blumenkohl in gleicher Kühlgelegenheit findet? Ist es dann ein verständnisvoller Bauer, mit dem es trotzdem interessant werden könnte?!
Um jetzt mal Tacheles zu reden die Highlights meiner Kühlschranktraumata an beiden Enden der Fahnenstange:
Nummer eins: ein Stück verschimmelter Parmesankäse (ich brauche Menschen, die hin und wieder italienisch kochen nicht erzählen, dass Parmesan mindestens ein Jahr braucht, um grün zu werden), 1!leere! Milchtüte und 1 „kleiner Feigling“.
Das war alles. Spricht für sich.
Nummer zwei: frische Pasta in drei Geschmacksrichtungen, probiotische Fitnessdrinks, Lactodingensfreie Milch, Lachs, Pasteten, Weißwein, Prosecco, Vollkornbrot, Kopfsalat, Artischocken, getrocknete Tomaten, Eier, und ich schwöre es, eine Passionsfrucht.
Nicht dass ihr jetzt denkt, ich wäre in Jubelgeschrei ausgebrochen. Dieser Anblick stürzte mich in derartige Verwirrung, dass ich mich erst mal, die Kühlschranktür hinunter gleitend, auf den Küchenboden fallen lassen musste, um nachzudenken.
War ich so betrunken, dass ich nicht mehr wusste, in wessen Wohnung ich mich befand? War es am Ende doch meine eigene? Nein, lactosedingensfreie Milch habe ich nie gekauft.
Suspekt alles, sehr sogar.
Welcher Mann besitzt Artischocken und Passionsfrüchte? Psychopath oder Frauenversteher?
Ja, und ja. Ihr Männer könnt es uns nicht recht machen. Verschimmelten Parmesan wollen wir nicht, und der heimische Feinkostladen verwirrt uns auch. Frauen halt.
Zeitzeugin - 25. Apr, 15:02